Vor einiger Zeit überkam mich die Idee, dass ich doch mal wieder eine Fremdsprache lernen könnte. Nach Deutsch und Englisch wäre das vielleicht mal eine gute Idee, zumal ich mir schon länger eingeredet habe, dass ich sprachlich unbegabt sei. Also setzte ich mich ans Werk. Die Sprache war schnell gefunden (Schwedisch) ebenso ein Lehrwerk (Tala Svenska, das auch an der Volkshochschule hier verwendet wird). Dann fehlte nur noch eines: Wie lerne ich die Vokabeln?
Als Computer-Geek und Programmierer zwischen 5 und 55 gibt es dafür exakt eine Antwort: Man schreibt sich einen Vokabeltrainer. Also informierte ich mich im Netz über passende Literatur zu diesem Thema. Egal wo ich jedoch suchte, ich stolperte immer wieder über einen Namen: Sebastian Leitner, der in seinem Buch »So lernt man Lernen« 1972 die »Lernkartei« entworfen hat, der fast alle aktuellen Vokabeltrainer nachempfunden wurden. Also habe ich mir das Buch gekauft und gelesen.
Alle Seitenangaben in diesem Text beziehen sich auf die 12. Auflage des Buches, erschienen 1995 im Herder-Verlag.
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Im Film ›Sonntags nie‹ fragt jemand die Hafendirne Meline Mercouri, wo sie sich so viele Sprachen angeeignet habe. ›Im Bett‹, ist ihre Antwort, und das lachende Publikum neigt dazu, ihr Glauben zu schenken. Dennoch ist diese Lernmethode umwegig, strapaziös, unrationell und erfolgsarm. Die Sprachschätze der Studentinnen, die sie anzuwenden pflegen, enthalten nur dürftige und stereotype Aussageformen.
Sebastian Leitner, So lernt man lernen, S. 47
Sebastian Leitner geht es in seinem Buch hauptsächlich um eine Sache: Er möchte das Lernen rationalisieren. Der Anfang des Buches beschreibt eindrucksvoll wie sinnlos viele Studenten und Schüler lernen: sehr aufwendig und mit mäßigem Erfolg. Dabei kommt es nach Leitner nur auf die Lernmethode an.
Auch das ist ein weitverbreiteter Aberglaube, dass der Schüler sein Hirn selbstquälerisch zerfleischen muss, wenn ihm eine Vokabel, oder sonst etwas, nicht einfällt. Wir tun nichts dergleichen. Wir sehen uns das deutsche Wort an und warten zwei oder drei Sekunden, ob uns dazu das italienische einfällt. Keine Aufregung, keine Anstrengung, keine Verrenkung ist dazu nötig. Wenn es uns nicht einfällt, brechen wir uns deshalb kein Bein. Wir drehen einfach die Karte um und lesen es. Nun wissen wir's – wozu hätten wir uns quälen sollen?
Sebastian Leitner, So lernt man lernen, S. 66
Nach Leitner ist Lernen immer nur eines: Der Kampf gegen die Vergesslichkeit (S. 47) – und wir vergessen schnell. Es ist vollkommen normal, schon nach kurzer Zeit gerade gelernte Dinge nicht mehr parat zu haben (S. 114). Wir vergessen jedoch nicht mehr ganz so schnell, wenn wir gerade gelernte Informationen wiederholen – so funktioniert jede herkömmliche Methode. Jedoch gibt es da einige Komplikationen. Zuerst einmal ist beim Lernen mehr nicht immer wirklich mehr (S. 51). Den Zustand des »Überlernens« gibt es insofern, als dass ähnliche Informationen sich gegenseitig beim Merken verdrängen können (S. 51). Zudem hilft ständiges wiederholen von bereits gelernten Dingen fast nichts (S. 55), und ist zudem extrem langweilig – was den Lernspaß massiv senkt (S. 61, 125).
Und nach Leitner soll Lernen einfach Spaß machen. Denn der Mensch lernt wie jedes andere Tier auch: Durch positive und negative Verstärkung (S. 86). So ist auch das Wiederholen alleine sinnlos, wenn es nicht durch schöne Erlebnisse, z.B. Erfolg, verstärkt wird (S. 83). Ein kleines Manko gibt es da jedoch: Diese Verstärkung muss sofort erfolgen (S. 92). Kommt sie erst am Ende des Tages oder gar des Schuljahres, ist es viel zu spät. Lob eignet sich für so eine Verstärkung hervorragend (S. 94), auch wenn es Eigenlob ist – und letzteres ist per se nichts schlechtes.
Nun gibt es allerdings nicht nur positive, sondern auch negative Verstärkung. Hier nennt Leitner vor Allem noch die Prügelstrafe, die zum Glück nicht mehr so verbreitet ist, aber auch Tadel und andere Strafen. Auch hier gilt, die Strafe muss sofort kommen, andernfalls wirkt sie nicht. Anders als viele andere glaubt Leitner durchaus, dass solch negative Verstärkung wirkt – nur, sie wirkt zu gut. Denn nicht nur der Misserfolg wird mit dem negativen Erlebnis verknüpft, nein, auch die Lernmethode und das Lernen allgemein wird damit verbunden (S. 111). Eine ungünstige Ausgangsposition für eine spätere Verbesserung.
Halten wir fest: Die Lernmethode sollte immer positiv verstärkt werden – Also sollte das Lernen Spaß machen!
Aber vielen Menschen vergeht nach wenigen Minuten des Lernens bereits die Lust. Was tun? Na, erstmal aufhören natürlich! Lieber zu wenig als zu viel auf einmal (S. 162). Es sagt sich so leicht, »Jeden Tag nur eine Stunde lernen« – bis man dann vor der Arbeit sitzt. Dann redet man sich ein, ein Faulpelz zu sein, zu dumm dafür zu sein, oder zu willensschwach. Dabei ist eine Stunde für viele einfach zu viel (S. 99). Wenn man mit 15 Minuten Lernarbeit anfängt, gelingt einem das vielleicht einfacher (hierzu kann man einen Wecker zu Hilfe nehmen). Wenn auch 15 Minuten zu viel sind – nicht verzagen, dann macht man eben nur 10 Minuten. Und wenn auch das zu viel ist – 5 Minuten. Es ist besser wenig zu tun, als genervt aufzugeben. Und wenn man möchte, kann man später immernoch versuchen ein wenig länger zu lernen (aber nicht übertreiben!).
Von daher gilt auch: Nicht verkrampfen (S. 66). Wenn man eine Antwort nicht kennt, dann kennt man sie eben nicht. Wer mit Leitners Lernkartei (siehe nächsten Abschnitt lernt) hat es dabei einfach: Er nimmt eine Karte und sieht sich die Frage an. Dann denkt er einige Sekunden nach. Kennt er die Antwort, überprüft er dies kurz, und ist fertig. Kennt er sie nicht, ärgert er sich einfach nicht, und schaut auf die Rückseite: Dort steht die Antwort. Dann wiederholt er die Frage und die Antwort im Kopf ein paar mal, macht eine kurze Pause, und macht dann mit der nächsten Karte weiter (S. 161).
Wieso nun dieses leise wiederholen? Es nennt sich »subvokales Memorieren«, und ist der Weg, die Wissen von unserem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis wandert (S. 140). Dass dies leise erfolgt hat auch einen Grund, denn so ist man schneller, und kann mehr Informationen auf einmal im Kurzzeitgedächtnis wiederholen und so ins Langzeitgedächtnis übertragen (S. 163).
Natürlich ist auch das Verständnis zum Lernen wichtig. Nur wer neue Informationen sinnvoll in sein bisheriges Wissen einbauen kann, kann sich später auch einfach daran erinnern (S. 116). Schwierigen Stoff, zum Beispiel Telefonnummern, nennt der Psychologe »Bezugsarm«, denn er hat kaum Bezug in unserem bisherigen Wissen. Leitner empfiehlt hierfür die Diplomatenmethode (S. 118).
Wenn ein Diplomat auf einen Empfang geht, wird er nicht versuchen sich jeden der Gäste sofort zu merken. Stattdessen unterhält er sich in einer kleinen Gruppe von vielleicht drei Gästen. Dort hat er es nun leicht, sich die Namen und die Gesichter zu merken. Dann kommen neue Gäste hinzu und andere gehen – langsam lernt er die gesamte Gesellschaft kennen. Diese Methode verwendet Leitner für seine so genannte Lernpatience, womit sich selbst schwieriger Stoff leicht merken lässt.
Eine weitere wichtige Erkenntnis von Leitner ist, dass die menschliche Sprache selbst nur Kürzel darstellt (S. 174). Jedes Wort ist ein Kürzel für eine ganze Reihe von Informationen – man stelle sich nur vor, was man unter dem Begriff »Katze« alles versteht: Der Begriff ist ein Kürzel für das alles. So hilft uns unsere Sprache auch uns etwas zu merken (S. 175), denn Abkürzungen für längere Informationsketten lassen sich leichter merken (S. 180). Aber da Worte kodieren, also Abkürzungen sind, bedeutet ein großer Wortschatz auch gleichzeitig einen großen Merkschatz (S. 187). Daher sollte es jedem auch daran gelegen sein, den eigenen Wortschatz immer wieder zu vergrößern (S. 190).
Allgemein ist Lernen wichtig. Auch wenn Verständnis hilft, kommt man um das Lernen nicht herum (S. 150). Zudem fällt Lernen leichter, je mehr man gelernt hat: Jede gelernte Information macht das Lernen weiterer Informationen einfacher (S. 224), denn die neuen Informationen kann man mit den Alten verbinden, und so kann sich leichter erinnern (S. 152).
Nun aber ist das Thema dieses Buches nicht die Revolte gegen ein vielleicht mangelhaftes Schulsystem, nicht der Aufruhr gegen möglicherweise unzulängliche Lehrer, sondern der Weg des geringsten Widerstandes zur individuellen Lern-Rationalisierung.
Sebastian Leitner, So lernt man lernen, S. 211
Auf den Seiten 61ff stellt Leitner seine Lernkartei vor. Er nennt sie eine »Lernmaschine für Jedermann«. Lernmaschinen, also Computer, waren damals wenig verbreitet und teuer. Sie konnten jedoch schon Stoff sinnvoll strukturiert anzeigen und abfragen, Teile zum Vertiefen und Wiederholen überspringen, und Tests einfügen um den Lernfortschritt zu kontrollieren. Dies ist für meine Zwecke eines universellen Vokabeltrainers nicht machbar, da es stark vorbereiteten Stoffes bedarf. (S. 198)
Wie funktioniert nun die Lernkartei? Nun, zuerst einmal ist es eine rechteckige Schachtel, die in verschieden große Fächer eingeteilt wurde, die jeweils 1cm, 2cm, 5cm, 8cm und 14cm lang sind. Dazu benötigt man noch Karteikärtchen der größe A7.
Die Karteikarten (»flashcards« auf Neu-Deutsch) werden mit Fragen vorne und Antworten hinten beschriftet. Dabei geht es im Wesentlichen um möglichst kurze Fragen und Antworten – wenn es zu viel wird, sollte man das Wissen lieber auf mehrere Karten aufteilen.
Nun kommen die Karten in das 1. Fach (das kleine). Von nun an bearbeitet man Fragen aus der Kartei (aber nicht verkrampfen – es soll Spaß machen!). Wenn man sie richtig beantwortet, darf man sie ein Fach weiter legen – man muss sich erstmal nicht mehr mit dieser Information herumschlagen. Lag man jedoch falsch, kommt die Karte direkt in das 1. Fach zurück: Man hat die Antwort vergessen.
Man beginnt im 1. Fach. Falls dort nur noch 3 Karten übrig sind, nimmt man neue Karten aus der nächsten Lektion (und macht am besten erstmal morgen weiter). Falls jedoch ein Fach voll wird, muss es geleert werden. Also behandelt man einige Karten – ca. ein Finger dick – aus diesem Fach.
Wenn man nun keine Lust mehr hat, dann hört man eben auf – man kann jederzeit wieder da anfangen, wo man aufgehört hat.
Es gibt einige Vorteile dieser Methode: Zuerst einmal wird gut sitzendes Wissen nur selten wiederholt, schlechter sitzendes oft – jedoch nicht zu oft. Dadurch wird es nicht so schnell langweilig. Zudem hat man jedesmal ein kleines Erfolgserlebnis, wenn man eine Karte ein Fach weiterlegen kann (S. 98) – das ist ein Teil der positiven Verstärkung, die ich oben angesprochen habe.
Was bedeutet das nun? Im Gegensatz zu der Supermemo-Methode ist der Abstand zwischen zwei Fragen nicht durch eine bestimmte Zeitspanne festgelegt, sondern durch die Menge der Fragen und unseren Lernaufwand. Die Lernkartei passt sich also an uns an, auch wenn wir vielleicht nicht optimal lernen.
Trotzdem soll hier vor einem Übermaß an Grammatik gewarnt werden. Ihre Regeln sind nicht Selbstzweck. Sie haben nur dann Sinn, wenn man mit ihrer Hilfe die richtigen Worte und Sätze leichter und rascher findet.
Der Umweg über Grammatikregeln ist dabei oft mehr ein Hindernis, und es gibt eine Menge sehr gebildeter Leute, die fremde Sprachen vorzüglich sprechen, ohne von der formalen Grammatik eine Ahnung zu haben. Wenn jemand genug Worte und Sätze lernt, hat er mit ihnen unbewusst auch die Grammatik aufgenommen. Wenn aber einer die Grammatik kann, hat er damit noch lange nicht genug Worte und Sätze in seinen Besitz gebracht.
Sebastian Leitner, So lernt man lernen, S. 72
Vermutlich die häufigste Anwendung für diese Lernprogramme stellen Fremdsprachen dar. Auch wenn man die Aussprache lieber bei einem Lehrer übt (obwohl moderne Rechner auch hier sehr hilfreich sein können – zum Abspielen von Sounddateien mit der korrekten Aussprache wie auch zum Aufzeichnen und Abspielen von der eigenen), übt man die Vokabeln doch lieber alleine (S. 45, 71).
Hier empfiehlt Leitner eine Vokabel pro Zettel, bei Konjugationen aber auch einen Zettel für die gesamte Konjugation ebenso wie einen Zettel für jede Form (S. 201). Eine weitere Idee ist in ganzen Sätzen zu lernen – also die Sätze samt Übersetzung aus dem Lehrbuch auf die Karten zu übertragen (S. 162), jedoch sollten auch die einzelnen Vokabeln separate auf Karten stehen (S. 204). Dabei kann man mit kleinen Sätzen anfangen, und diese dann immer größere werden lassen (z.B. »Ich gehe«, »Ich gehe zum Fenster«, »Ich gehe zum offenen Fenster«, »Ich gehe zum offenen Fenster und schließe es«, etc. – diese Methode wird so ähnlich auch von den [http://www.pimsleur.com/ Pimsleur Sprachkursen] angewandt).
Bei widerspenstigen Vokabeln kann man auch ähnliche Vokabeln mit gleichem Stamm aufnehmen. Diese helfen sich dann gegenseitig in die Erinnerung. (S. 203).
Bei den beliebten Fächern wie Mathematik, Physik, Chemie etc. gibt es hauptsächlich viele Formeln, Axiome, Gesetze und Regeln zu lernen. Hier hilft es ungemein den Hintergrund dieser Regeln zu verstehen (S. 208), aber damit hat sich die Sache nicht erledigt: Man muss es sich immernoch merken, auch wenn dies nun leichter fällt als zuvor. Denn auch verstandenes muss wiederholt werden, sonst vergisst man es (S. 210).
Geisteswissenschaften zeichnen sich hauptsächlich durch einen fortlaufenden Text aus, der irgendwie die wichtigen Informationen beinhaltet. Leitner macht als Vorschlag entweder aus dem Text sinnvolle Fragen und Antworten zu erstellen, oder den Text in kleine Sinnabschnitte zu unterteilen und daraus Lückentexte für die Karten zu erzeugen (S. 219). Auch hier sollte man darauf achten, dass nicht zu viel Information auf einmal von einer Karte gefragt wird (S. 225).
Für ganz besonders schwierigen Stoff hält Leitner eine Lernpatience bereit (S. 119). Dabei handelt es sich im Grunde um eine Variante der Lernkartei mit sehr kleinen Fächern – genaugenommen mit 4 Fächern für genau 3, 5, 5 und 7 Karten. Mehr als 20 Karten sollte man auch nicht mit dieser Methode behandeln. Da es so wenig Karten sind, kann man diese auch komplett vor sich ausbreiten, was den Eindruck einer Patience macht.
Man beginnt mit 3 Karten nebeneinander, und versucht die linke zu beantworten. Gelingt dies nicht, kommt sie rechts neben die beiden anderen, und die drei Karten werden nach links geschoben. Gelingt dies, kommt sie in die 2. Reihe ganz rechts (bzw. das 2. Fach ganz hinten), und eine neue Karte wird rechts in die erste Reihe gelegt. Wenn eine Reihe voll ist, muss die Karte ganz links in dieser Reihe wieder gefragt werden – und wie bei der Lernkartei kommt sie eins weiter soweit sie richtig beantwortet wird, oder in die erste Reihe falls nicht.
Sie [die Intelligenz] ist eine besondere Art der Denk-Gewohnheit. Der intelligente Mensch übt beim Denken, was andere, nicht intelligente, nie zu üben versuchen. Er übt vor allem Phantasie und Intuition, die Vorstellung, die Vermutung und die Einbildung, die Gedankenspielerei und das Wachträumen.
Er übt sich von früh bis spät in Annahmen und Ahnungen, die er, zumindest vorerst, nicht beweisen kann und deren übergroße Zahl von nachher als falsch erweisen wird.
Sebastian Leitner, So lernt man lernen, S. 258
Für Leitner ist Intelligenz nicht angeboren und auch nicht fix – Intelligenz ist eine Frage der »Kopfgriffe«, die man so anwendet. Kopfgriffe sind das Äquivalent von Handgriffen, nur für geistige Arbeit. So hilft es zum Beispiel neue Informationen zu lernen, wenn man sie subvokal memoriert, also vor sich hin denkt (S. 141). Das ist ein Kopfgriff, der gemeinhin auch als Konzentration bezeichnet wird.
Weitere Kopfgriffe sind zum Beispiel, dass man Bildereindrücke sofort verbal in Gedanken beschreibt (S. 138), wodurch sich das Bild wesentlich besser einprägt. So kann man jede neue Information mit Sinn versehen und subvokal wiederholen (S. 142), und trainiert so konzentriert zu sein.
Leitners Meinung über den IQ ist nicht sonderlich hoch – er stimmt hier mit Stephen Gould in »Der falsch vermessene Mensch« in vielen Punkten überein. Für Leitner basiert die in einem Intelligenztest gemessene Intelligenz zuerst einmal auf sehr viel Wissen.
Die wichtige Intelligenz besteht für Leitner aus dem Ausbrechen aus gewohnten Denkmustern – und auch das kann geübt werden (S. 255). Denn »Jeder wahrgenommene Gegenstand ist zunächst eine Hypothese, die auf Grund sensorischer Daten aufgestellt und dann überprüft wird« (S. 261). Die Intelligenz besteht nun darin, ungewohnte Hypothesen aufzustellen. Viele dieser Hypothesen werden falsch sein, aber das sollte uns nicht stören. Intelligentes Denken muss ständig geübt werden (S. 279).
Doch die schwersten Sünden gegen den Geist werden in der Schule begangen, vom ersten Schultag bis zum letzten, wenn ein neue Doktor sein Diplom erhält.
Die Lehrpläne und die Vorlesungsverzeichnisse sind eine einzige Kriegserklärung an die schöpferische Phantasie. Das beschworene Lernziel aller Fächer, die von Schülern und Schulmeistern auch nur halbwegs ernst genommen werden, ist die möglichst perfekte Beherrschung des lehrplanmäßigen vorgekauten Stoffes.
Sebastian Leitner, So lernt man lernen, S. 270
Leitners Schule der Zukunft sieht anders aus. Es ist nicht die Kuschelschule einiger Pädagogen, aber auch nicht die Erziehungsanstalt der ewig konservativen. Es muss weiterhin viel gelernt werden, vielleicht sogar mehr als bisher.
Aber eines muss wichtiger werden: Die Phantasie, die Vorstellung, der freie und neue Einfall. Denn das erlaubt es uns aus den Denkmustern auszubrechen, Hypothesen aufzustellen und neues zu entdecken. Die Schule der Zukunft braucht nicht straffe Ordnung und nur Fakten, sondern den Mut, tausend Irrtümer zu denken und auszusprechen, damit zehnmal oder nur einmal das Richtige getan werden kann (S. 275).
Das Lernen verliert viel von seinem Schrecken, wenn man es nicht, vor Angst schlotternd, in einer großen heroischen Anstrengung zu überwältigen versucht; Anschleichen ist besser.
Sebastian Leitner, So lernt man lernen, S. 303
Mir hat die Lektüre von »So lernt man lernen« viel Spaß bereitet. Leitner hat einen sehr sympathischen Schreibstil mit sehr wenig Dogmatik. Zudem wirkt sein Buch sehr einleuchtend. Ich kann nur jedem empfehlen es zu lesen – Ausgelernt hat nie jemand.